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Ruhrland Interkontinental –
Segeln auf dem Sydney Harbour

Lukas Daub berichtet über seine Segelerlebnisse in down under während seines Studienaufenthalts.

Liebe Ruhrländerinnen, Liebe Ruhrländer,

von Juli bis November 2017 habe ich mein Auslandssemester an der University of Sydney verbracht. Dabei habe ich die Gelegenheit genutzt, um Kontakt zu der lokalen Drachensegler-Szene aufzunehmen. Über meine Segelerlebnisse down under möchte ich im Folgenden berichten.

Am 09. September, zum Auftakt der Segelsaison auf dem Sydney Harbour, bin ich das erste Mal zum Segeln am Royal Sydney Yacht Squadron. Beim Squadron handelt es sich um einen der traditionsreichsten Segelclubs Australiens. Der Club wurde 1862 gegründet und seine Mitglieder haben Australien bis heute mehrfach erfolgreich bei den Olympischen Spielen vertreten. Darüber hinaus starteten im letzten Jahrhundert mehrere America’s Cup-Kampagnen unter der Flagge des Squadron.

Geht man durch die beeindruckenden Räumlichkeiten des Clubs, so spürt man, wie eng er mit der Geschichte des australischen Segelsports verbunden ist.

Kurz nachdem ich in Sydney angekommen bin, habe ich mit John Marty, dem Sekretär der lokalen Dragon Association of New South Wales, Kontakt aufgenommen und er hat mich eingeladen, gemeinsam mit ihm und seinem Steuermann Nicholas Hogg auf ihrem Drachen „Abracadrabra“ an einer der Trainingsregatten teilzunehmen, die jeden Samstag am Squadron stattfinden.

Bei ihrem Schiff handelt es sich nicht um einen – auf europäischen Gewässern üblichen – Petticrows, sondern um einen australischen Ridgeway aus Tasmanien. Bevor wir aufs Wasser gehen, verbringe ich eine halbe Stunde an Land damit, mich auf dem Schiff zu orientieren und mit John einige Vokabelfragen zu klären. Denn auch wenn ich mich im Alltagsenglisch gut zurechtfinde, komme ich beim Segelvokabular zu diesem Zeitpunkt relativ schnell an meine Grenzen. John bringt mir daher die wichtigsten Begriffe bei: Backstagen sind runners, der Baumniederholer heißt vang, Schoten sind sheets und Fall heißt halyard. Verwirrender Weise wird Backbordbug hier starboard tack genannt und Steuerbordbug port tack.

Nach dieser Einheit fahre ich bei Windgeschwindigkeiten zwischen 16 und 19 Knoten meine erste Wettfahrt auf dem Sydney Harbour. Es läuft gut. Wir fahren einen guten Start und die Manöver laufen überraschend fließend. Auch die Kommunikation funktioniert besser als ich es im Vorfeld erwartet hätte. Am Ende sind wir erster Drachen und Vierter in der Yardstickwertung.

Nach dem Segeln sitzen wir gemeinsam mit den anderen Drachenseglern auf der Terrasse des Squadrons und genießen den Blick über den Harbour.

Bei diesem Beisammensein kann ich die einzigartige australische Offenheit und Gastfreundschaft spüren. Die Runde ist sehr an mir interessiert: Sie fragen nach meiner seglerischen Vergangenheit, warum ich mich dazu entschieden habe, für mein Auslandsstudium nach Australien zu kommen, ob ich zufrieden mit der Uni und meiner Unterkunft bin, und ob es irgendetwas gibt, das sie als locals für mich tun können.

Zum Abschluss des Tages bieten Nicholas und John mir an, bis zum Ende meines Aufenthalts als Mittelmann mit ihnen an den Trainingsregatten teilzunehmen – ein Angebot, das ich ohne Zögern annehme. In den folgenden Wochen bin ich bei optimalen Bedingungen jeden Samstag auf dem Harbour.

Als ich einige Wochen später, nachdem die ganze Woche lang sehr starker Wind angesagt war, ins Squadron komme, verkündet Nicholas mir, dass heute keine Trainingsregatta stattfinden wird. Anstatt Segeln zu gehen, erledigen wir einige Reparaturen am Schiff und fahren anschließend mit Nicholas Motorboot auf den Harbour, um uns eine Regatta der MC38 aus nächster Nähe anzugucken. Keine schlechte Alternative zur Trainingsregatta!

An Bord der Racer, die größtenteils aus Carbon bestehen, segeln internationale Profis. Unter ihnen befindet sich auch Tom Slingsby; olympischer Goldmedaillen-Gewinner im Laser und Taktiker des Oracle Team USA.

Wiederum zwei Wochen später, am letzten Samstag im Oktober, sind sechs Drachen zum Training im Club. Diese Anzahl reicht aus, damit das Squadron eine separate One-Design-Regatta auf einer eigenen Regattabahn nur für Drachen startet.

Unter den sechs Teams ist auch die Crew um den 91-Jährigen Gordon Ingate. Gordon hat Australien in den 70er Jahren beim Admirals Cup, den olympischen Spielen und dem America’s Cup als Skipper vertreten. Eine echte australische Segellegende! Erst in diesem Jahr hat er trotz seines hohen Alters die australische Drachenmeisterschaft – den Prince Philip Cup – gewonnen. Sein Vorschoter David Giles gewann bei den Olympischen Spielen 1996 die Bronzemedaille im Star.

Bis zur ersten Leetonnenrundung sind wir zweiter hinter Gordon. Als wir dann wieder auf die Kreuz gehen, bricht unter Deck ein Teil des Backstagensystems und wir müssen in den Hafen fahren.

Beim anschließenden Bier im Clubhaus berichtet mir Gordon, wie gut ihm das Segeln in Schilksee bei den olympischen Spielen 1972 gefallen hat und wie sehr er deutsches Bier schätzt. David schildert seine Erlebnisse vom Starbootsegeln in Deutschland. Er erzählt begeistert, dass er einige Male an der sagenumwobenen Oktoberfestregatta des Herrschinger Segelclubs teilgenommen hat – eine Regatta, die sich seit jeher auch über die rege Teilnahme von Ruhrlandmitgliedern freuen kann. Nach kurzer Zeit merken wir, dass wir einige gemeinsame Bekannte aus der deutschen Segelszene haben. An diesem Tag wird mir mehr denn je bewusst, wie klein die Segelwelt doch ist.

Ab Anfang November kommen zu den samstäglichen Trainingsregatten die sogenannten „Friday Twilights“ auf Johns Hunter 38 hinzu. Die „Dämmerungsregatten“ finden im australischen Sommer jeden Freitag ab 17.30 Uhr statt. Die anderthalbstündigen Yardstick-Wettfahrten sind die perfekte Art, eine Arbeitswoche ausklingen zu lassen und ins Wochenende zu starten.

Nachdem Nicholas und ich in den letzten Wochen mehrmals darüber diskutiert haben, ob deutsches Bier wirklich besser schmeckt als australisches Bier, und er mir gesagt hat, dass er noch kein Schwarzbrot probiert hat und es sich ungenießbar vorstellt, sehe ich meinen Auftrag für das erste Twilight darin, deutsches Bier und deutsche Backwaren für die neunköpfige Crew zu besorgen.

Da sich mein Aufenthalt dem Ende zuneigt, lädt Nicholas mich und meine Mitbewohner am 12. November nochmal auf sein Motorboot ein, um eine Regatta der legendären 18ft Skiffs anzuschauen. Die 18footer sind echte australische Originale. Aufgrund der engen Verbindung zu Australien werden sie auch „Aussie 18“ genannt. Seit dem 19. Jahrhundert sind sie auf dem Sydney Harbour unterwegs. Anfangs waren die 18footer noch schwere Holzboote mit riesiger Segelfläche und einer Crew von mehr als 10 Personen. Heutzutage sind es absolute High-Tech Skiffs mit einer Crew von nur drei Seglern, die alle im Trapez stehen. Neben den modernen Skiffs sind heute jedoch auch wieder die historischen 18footer bei Regatten auf dem Harbour zu sehen.

Am Wochenende des 18. Novembers bin ich zum letzten Mal zur Trainingsregatta auf dem Harbour. Zum Abschied überreiche ich John und Nicholas die Flagge des Ruhrlands. Dabei versichert John mir, dass sie einen Ehrenplatz im Royal Sydney Yacht Squadron erhalten wird.

Ich bedanke mich bei den beiden für die sehr ereignis- und lehrreiche Segelzeit in Sydney. Sie erzählen mir, dass sie womöglich in den nächsten Jahren nach Deutschland reisen und dort natürlich auch gerne segeln möchten.

Vielleicht können wir uns also demnächst auf weitgereiste Gäste bei einer der Drachenregatten im Ruhrland freuen!

Ein gutes neues Jahr wünscht Ihr/Euer

Lukas Daub

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