Yachtclub Ruhrland Essen e.V.

Berichte Fahrten­segeln 2020

Crew of the year 2019

Zum ersten Mal gewann eine Familien-Crew die begehrte Trophäe, die der YCRE für die heraus­ra­gendste seglerische Leistung des vergangenen Jahres verleiht. Hier der Bericht: „Betreutes Segeln"

Selten bin ich an Bord so nervös wie in diesem Sommer­urlaub. Dabei ist das Wetter meist gut und das Revier einfach. Dennoch will sich die gewohnte Urlaubsruhe nicht immer einstellen, denn wir haben uns in diesem Jahr für „betreutes Segeln“ entschieden. Das ist zumindest der Arbeitstitel unseres diesjährigen Sommer­urlaubs. Erstmals sind wir als Familie mit zwei Booten in den Urlaub aufgebrochen. Von unserem Heimathafen Jemgum/ Ems soll es über die Kanäle ins Ijsselmeer gehen mit Ziel Amsterdam. Susanne, unsere Tochter Helen und ich sind auf „Neline“, einer Breehorn 37. Auf der Shark24 „Hai Five“ sind unsere beiden 14 und 15 Jahre alten Jungs Sven und Arne unterwegs. Ständig beobachte ich sie, überlege mit und möchte am liebsten auch selber segeln. Zu wissen, dass die Kinder allein sind und selber entscheiden müssen, zehrt oft an meinen Nerven. Susanne und die Kinder bleiben zum Glück immer „cool“.

Nun aber der Reihe nach. Im Winter 2017/18 wurde die Idee geboren, ein Zweitboot anzuschaffen, um Arne und Sven weiterhin beim Segeln zu halten und ihnen gleich­zeitig mehr Freiheit zu geben. Schnell war die Shark24 als sichere, schnelle und bezahlbare Bootsklasse identi­fiziert und im Herbst 2018 wurde ein entspre­chendes Refit-Objekt gekauft. Arne und Sven haben viel Zeit investiert und das Boot wieder in einen optisch und technisch ordent­lichen Zustand gebracht. Bei einigen schwierigen Arbeiten oder sicher­heits­re­le­vanten Teilen hatten sie natürlich auch etwas Unterstützung.

Bild: Vor dem Refit steht das Ausmisten an (Herbst 2018)
Bild: Bild: Vorher (Herbst 2018) / Bild: Nacher (Frühjahr 2019)

Der Urlaub startet am Samstag, 3. August 2019, mit einem angenehmen Segeltag. Bei NW3-4, in Böen etwas mehr, kreuzen wir gemeinsam auf der Ems unserem Ziel Delfzijl entgegen.

Bild: Es geht los!

In der Nähe von Emden gibt es die erste Aufregung: Die Jungs kommen nicht richtig durch die Wende, gehen wieder auf den alten Bug, jemand turnt auf dem Vorschiff herum. Das sieht komisch aus. Wir wenden und fahren zurück, um nach dem Rechten zu schauen. Es stellt sich heraus, dass die Fock am Spibeschlag hängen geblieben und am Achterliek eingerissen ist. Die Liekleine hält noch alles zusammen, also gebe ich die neue Marschroute aus: Höhe kneifen und keine Wende mehr fahren. Das gelingt auch und wir kommen gut in Delfzijl an. Allerdings öffnet im Kanal die Brücke vor uns nicht mehr und wir haben keine Lust, zurück zu fahren. Deshalb übernachten wir im Oude Ems Kanaal, etwas unkonven­tionell an einem rostigen Ponton im Nirgendwo. Es wird ein schöner Abend, der nur durch viele Mücken gestört wird.

Bild: Päckchen am rostigen Ponton – Hai Five mit ‚Fender‘

Die Reise durch die Kanäle ist bis kurz hinter Leeuwarden wenig aufregend. Die „Hai Five“ ist die meiste Zeit bei „Neline“ im Schlepp, nur in Groningen und in den Schleusen fahren die Jungs selber. „Die Kanalfahrt war nicht nur langweilig. Die Landschaft war schön und die Brücken und Schleusen haben ausreichend Abwechslung geliefert. (Arne)“

Bild: Brücken­durchfahrt / Bild: Helen darf auch mal steuern / Bild: Bezahlen in Dokkum

Das Schleppen ist angenehmer, als die lange Zeit mit dem Außenborder zu fahren. Kurz vor der Autobahn­brücke hinter Leeuwarden kommt dann wieder die Zeit für einen Schrecken. Wir müssen vor der Brücke warten und wollen uns daher am Anleger festmachen. Die „Neline“ ist fast fest und „Hai Five“ soll längsseits kommen, als Helen einen Anruf von Sven bekommt. Etwas unwirsch will ich abwiegeln – doch Helen gibt die Nachricht durch: „Sven sagt, sie haben den Außenborder verloren.“ Das klingt nicht gut, ich nehme das Telefon, frage ob das stimmt (ja!), und gebe durch, dass wir sie abholen kommen. Bevor wir unsere Leinen wieder gelöst haben, kommt schon die Entwarnung. Ein anderes Boot hat eine Leine herüber­werfen können und die „Hai Five“ erstmal längsseits genommen. Wir beratschlagen kurz per Telefon, erfahren, dass der Außenborder nicht weg ist und der Kopf nicht einmal im Wasser war. Offenbar ist die Motorhal­terung zerbrochen als der Motor lief. Die Jungs haben gut reagiert, den Motor ausgemacht, ins Boot geholt und in der Plicht verstaut. Keine einfache Übung, aber die beiden sind ja auch schon groß! Wir schleppen die „Hai Five“ zurück nach Leeuwarden, wo wir abends gegen 19:00 Uhr ankommen und an der letzten Möglichkeit im 2er-Päckchen festmachen. Das Manövrieren mit 2 Booten ist gar nicht so einfach, aber hier habe ich ja wieder die Kontrolle! Kein Grund, nervös zu sein.
„Ich war schockiert, dass die Halterung nicht gehalten hat und einfach so zerbrochen ist. (Sven)“ „Ein kleiner Schock heute. Der Außenborder hing plötzlich im Wasser. Wir haben ihn kaum wieder ins Boot bekommen. Zum Glück konnte uns ein anderer Segler an den Steg ziehen, denn die Neline war schon fest und nicht schnell genug bei uns. (Arne)“

Am nächsten Tag finden wir einen Wasser­sport­aus­rüster, der genau eine Außenbor­der­hal­terung vorrätig hat. Sie wird sofort gekauft, Sperrholz als Gegenplatte besorgt und gegen Mittag ist die neue Halterung bereits angebaut. Nach einem schnellen Mittagessen geht es weiter in Richtung Lemmer. Wir wollen schauen, wie weit wir kommen. Tatsächlich erreichen wir Lemmer gegen 21:30, pünktlich zum Dunkel­werden. Wir finden 2 Liegeplätze und eine Dusche, dann gibt es noch ein gemeinsames Abendessen.

Bild: Die neue Außenbor­der­hal­terung ist fast montiert / Bild: Zurück nach Lemmer

Am nächsten Tag versuchen wir, von Lemmer aus weg zu kommen. Bei W 4-5 hoffe ich, dass die „Hai Five“ noch gegen die bockige Ijssel­meerwelle ankommt. Boot und Mannschaft machen das zwar gut, aber mir ist es zu riskant. Die Kinder haben erst wenig Erfahrung und die Manöver sehen nicht rund aus. Wir fahren zurück, versuchen es noch einmal (denn bei dem achter­lichen Wind ist es ja sehr angenehm), aber auch den zweiten Versuch brechen wir ab. „Das Heraus­kreuzen aus der Lemmer-Bucht hat trotz der Wellen Spaß gemacht. Es war aber richtig, umzudrehen, denn wir hätten noch lange gebraucht, um aus der Bucht heraus zu kommen. Der Rückweg mit raumschots Wind war toll! (Arne)“

Da sich das Wetter am nächsten Tag nicht ändert, verbringen wir einen Hafentag in Lemmer und lassen uns abends von den Jungs auf der „Hai Five“ bekochen. Simpel, aber schön!

Endlich hat der Wind gedreht, auf E-SE 4-5. Da es am kommenden Tag stürmen soll, wollen wir in einem Rutsch nach Amsterdam. Das Wetter ist etwas mau, immer wieder regnet es. Wir kommen im Landschutz gut voran, können Urk erahnen (wir sind nicht weit weg, aber es ist recht diesig) und sind schneller als geplant in Lelystadt. Wir haben Glück, kommen schnell durch die Schleuse und setzen den Weg nach Amsterdam fort. Wind, Wetter und Wellen bleiben uns treu und so erreichen wir gegen 16:30 den Sixhafen in Amsterdam. „Wir hatten super Wind, waren schnell und hatten Spaß. Trotz des grauen Wetters heute. (Sven)“ „Heute war ein guter Tag. Endlich eine lange Strecke segeln – und das bei richtig gutem Wind. (Arne)“

Der Amsterdamer Hafen ist beliebt und pickepacke voll, so dass uns der Hafenmeister mit beiden Booten quer vor die Dalben weist. Nach uns kommen noch 6 oder 7 Boote, dann ist die Boxengasse vollständig gefüllt und es gibt kein Vor oder Zurück mehr. Der Hafen muss sich nach dem Last-in-First-Out Prinzip wieder leeren. Da es am Folgetag stürmt, will niemand auslaufen und wir machen uns einen schönen Hafentag mit Stadtbe­sich­tigung, Besich­tigung des Rijksmuseum und einem fantas­tischen Abendessen in einem indischen Restaurant.

Bild: Am Wind in Richtung Lelystad
Bild: Ankunft vor der Brücke in Amsterdam
Bild: Der Sixhaven in Amsterdam ist voll - richtig voll

Auf dem Weg von Amsterdam nach Volendam weht es noch mit 5-6 Windstärken. Glückli­cherweise kommt der Wind raumschots oder achterlich, so dass wir sehr schön segeln können. Während „Neline“ etwas träge ist, kann die Shark24 ihre Stärke ausspielen. Auf der Ijssel­meerwelle kommt das Boot immer wieder ins Gleiten und surft mit über 8 Knoten die Wellen hinunter. In den Momenten können wir „Alten“ nicht mithalten. „Heute hatten wir unser bisher tollstes Segeln. Mit der Hai Five sind wir bis zu 8,5 Knoten gesegelt. Toll, dass ein kleines Boot so schnell werden kann. (Sven)“ „Die Shark24 kann wirklich gleiten. Heute haben wir das auf der Ijssel­meerwelle geschafft! (Arne)“

Bild: Am Paard van Marken trifft Marker­meerwelle auf Land

In den nächsten Tagen fahren wir über Hoorn und Enkhuizen weiter nach Makkum. Wir können immer segeln und die Jungs werden von Stunde zu Stunde routinierter. Immer wieder werden wir von anderen Seglern angesprochen. Ob wir zusammen­gehören? Ja. Tolle Idee – und die Kinder machen das super. Bei einigen Seglern habe ich das Gefühl, dass wir als Gespann bereits bekannt sind …

Bild: Seegrasernte in Hoorn / Bild: Schmet­terling nach Norden

In Makkum legen wir einen Hafentag ein. Zum einen müssen wir Wind abwarten, um dann durchs Watt nach Harlingen und dann wieder in die Kanäle zu fahren. Zum anderen liegen Verwandte von uns mit ihrem Boot in Makkum, die wir besuchen wollen. Da wir – wie eigentlich immer – im Stadthafen festgemacht haben, setzen wir abends zum Besuch in der Marina mit der Hai Five über. Ein wenig komisch werden wir angeschaut, aber das ist uns egal. Außerdem segeln wir an unserem Hafentag mit der Shark24 ein wenig im Hafen und im Hafenkanal und füllen auf dem Weg auch die Diesel­ka­nister für die „Neline“ an der Bootstank­stelle auf.
“Eines unserer schönsten Erlebnisse war der Besuch auf Argi und dass wir mit dem kleinen Tom an Bord spielen konnten. (Sven)”

Der Folgetag beschert uns zuerst einmal einer proppevolle Schleuse. „Neline“ passt soeben mit hinein, „Hai Five“ kann sich neben uns quetschen. Die Schleu­sentore passen knapp am Heck vorbei, weil wir unseren Bug noch zwischen Kai und Heck des Vordermanns schieben. Als das Tor zu ist, fieren wir die Vorleine wieder etwas und liegen dann gerade.

Bei schönem Wetter und achter­lichem Wind können wir die Freiheit des offenen Wassers leider nur kurz genießen. Viel zu schnell sind wir in Harlingen. Hinter der Schleuse nehmen wir routiniert die „Hai Five“ wieder in Schlepp. Dazu müssen wir gar nicht mehr langsamer werden. „Hai Five“ kommt langsam auf, die Leine wird übergeben, sie drosselt die Geschwin­digkeit, die Leine kommt stramm, der AB geht aus und er wird hochge­klappt. Sehr schnell erreichen wir wieder Leeuwarden, kommen gut durch die Stadt und können vor Dokkum noch ein Stück auf dem Kanal segeln. Bei wenig Wind treiben wir mit beiden Booten sehr ruhig am Ufer vorbei, schauen in die Gärten und werden immer wieder freundlich gegrüßt. Schön! Gerade rechtzeitig kommen wir noch in Dokkum an, es ist 19:00 Uhr und vor und hinter uns schließen sich die Brücken bis zum nächsten Morgen.

Da wir bereits recht weit gekommen sind, überlegen wir, wie der Urlaub weitergehen soll. Schnell sind sich alle 3 Kinder einig: sie wollen noch nach Helgoland. Aber ohne die „Hai Five“. Wir machen uns daher schnellstens auf den Weg Richtung Ems, nicht jedoch, ohne durch das Lauwersmeer zu segeln, auch wenn der Wind eher schwach ist. Kurz vor Zoutkamp macht der Motor der „Hai Five“ Probleme. Die Ölkontroll­leuchte geht an. Wir nehmen die Shark wieder einmal in Schlepp, diesmal muss das Manöver aber unter Segeln funktio­nieren. Auch das bekommen die Jungs super hin. Wir gehen gemeinsam die Bedienungs­an­leitung durch, prüfen den Ölstand, füllen etwas Öl nach und das Problem ist behoben.

Nach einer Übernachtung in Groningen erreichen wir nach 16 Tagen gegen Mittag Delfzijl. Dort besorgen wir rasch ein Mittagessen, räumen die Segelsachen der Kinder auf die „Neline“ und lassen die „Hai Five“ für ein paar Tage allein. Die Tide ist günstig und das Wasser läuft gerade ab, so dass wir weiter nach Borkum segeln können. „Das war eine coole Aktion. Kaum waren wir in Delfzijl, konnten wir wieder auf Neline steigen und wie früher einfach mitsegeln. (Arne)“

Für den nächsten Tag ist SW6 vorher­gesagt und das ist eine gute Voraus­setzung, um schnell nach Helgoland zu kommen. Wir legen um 7:00 Uhr ab, erwischen die Tide perfekt und sind pünktlich bei Niedrig­wasser auf der Nordsee. Mit der Tide und achter­lichem Wind kommen wir mit 2. Reff und Fock mit bis zu 8,8 Knoten schnell voran. Der Wind ist etwas stärker als vorher­gesagt. Leider sind außer mir alle seekrank, besonders Susanne erwischt es schwer. Gegen 16:30 sind wir bereits auf der Insel und können uns noch einen schönen Abend in der „Bunten Kuh“ machen.

Nach einem Hafentag und dem obliga­to­rischen Einkauf bei Manfred „Manni“ Engel geht es zurück in Richtung Norderney. Obwohl das Wetter relativ gut ist, kommt wieder etwas Aufregung auf. Erstmals in unserem Leben erleben wir Wasserhosen. Es sind insgesamt 10 „Rüssel“ die wir sehen, nicht alle prägen sich bis zum Wasser aus, aber 6 von diesen Trichtern schaffen es bis ganz nach unten. Wir machen das Boot sturmklar und versuchen, unter Motor und Vorsegel auszuweichen. Das klappt auch und irgendwann haben wir dieses Wetter­phänomen hinter uns gelassen. Die weitere Fahrt über Norderney nach Delfzijl ist schön und ohne besondere Vorkommnisse.

Bild: Wasserhose über der Nordsee

In Delfzijl steigen Arne und Sven wieder zurück auf die „Hai Five“. Endlich sind sie wieder allein und ihr eigener Herr. An den letzten beiden Urlaubstagen fahren wir noch von Delfzijl nach Termun­terzijl und dann wieder zurück nach Jemgum. „Heute war nicht der beste Urlaubstag. Leider gehen die Sommer­ferien zu Ende und außerdem mussten wir fast die ganze Strecke kreuzen. (Sven)“

Insgesamt waren wir 22 Tage unterwegs, davon 18 Tage mit 2 Booten. In der Zeit haben wir 542 Meilen zurück­gelegt. Die Kinder haben verschie­denste Situationen kennen­gelernt und an Erfahrung gewonnen. Ich habe gelernt, gelassener zu sein und loszulassen. Es war eine gute Idee, den Urlaub unter das Motto „Betreutes Segeln“ zu stellen. Die beiden Jungs und die „Hai Five“ haben sich sehr gut geschlagen. Die Shark24 war eine gute Wahl – ein sicheres und schnelles Boot, das den Jugend­lichen genügend Platz geboten hat und viel Spaß gemacht hat. Für den nächsten Sommer­urlaub können wir sicherlich schon einen etwas anspruchs­volleren Törn einplanen. Dann bin ich sicherlich auch wieder entspannter. „Der ganze Urlaub war toll. Wir konnten alleine segeln und selber testen, wie alles funktioniert. Ich habe z.B. gelernt, nicht zu nah an die Brücken fahren – sie öffnen oft nicht ganz. Zum Glück habe ich immer nach oben geguckt. Und auch, dass man mit weniger Segelfläche noch schnell fahren kann. Im Urlaub ist es besser, rechtzeitig zu reffen. (Arne)“ „Alles in allem war der Urlaub toll. Es hat Spaß gemacht und wir haben viel gelernt. (Sven)“

Bild: Am Strand sind auch die Großen wieder Kinder